Agile UX Management: Mit dem UX Lifecycle zur zielgerichteten User Experience
Die Entwicklung digitaler Produkte hat sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Agile Methoden wie Scrum und Kanban sind heute in vielen Unternehmen Standard. Doch obwohl agile Vorgehensweisen Flexibilität und schnelle Iterationen ermöglichen, bieten sie von sich aus keine direkte Unterstützung für die systematische Entwicklung einer guten User Experience. Genau hier setzt das Konzept des Agile UX Management an – und der UX Lifecycle bietet einen strukturierten Rahmen, um UX gezielt und messbar in agile Entwicklungsprozesse zu integrieren.
Die Herausforderung: UX und Agile zusammenbringen
Nutzer:innen erwarten heute nicht nur Produkte, die funktional und einfach zu bedienen sind, sondern auch Produkte mit einer hohen User Experience. Die EN ISO 9241-210 definiert User Experience als ein ganzheitliches Konstrukt, das verschiedene Komponenten wie Emotionen, Wahrnehmungen und Reaktionen umfasst, die vor, während und nach der Nutzung eines Produkts entstehen.
Die Integration von UX-Methoden in agile Entwicklungsprozesse ist jedoch alles andere als trivial. Zahlreiche Studien zeigen, dass UX und agile Methoden zwar nicht grundsätzlich unvereinbar sind – beide sind iterativ, unterstützen Feedback und sind multidisziplinär angelegt – doch die praktische Zusammenarbeit zwischen UX-Professionals und Entwicklungsteams stellt viele Organisationen vor Herausforderungen.
Ein zentrales Problem: UX wird vom Management häufig nicht als Teil der Geschäftsstrategie betrachtet. Entscheidungen über den Einsatz von UX-Methoden müssen daher oft auf Teamebene getroffen werden. Was fehlt, ist ein systematischer Ansatz, der UX-Ziele definiert, Strategien zu deren Erreichung entwickelt und die Zielerreichung messbar macht.
Was ist UX Management?
UX Management basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Grundprinzip: der Verbindung von Ziel, Strategie und Ressourcen. Übertragen auf UX bedeutet das:
- UX-Ziel: Ein konkretes, messbares Ziel für die User Experience, das vor der Entwicklung definiert wird – beispielsweise die Verbesserung eines bestimmten UX-Faktors wie Vertrauen, Effizienz oder Ästhetik.
- UX-Strategie: Die Auswahl und Kombination geeigneter UX-Methoden, um das definierte Ziel zu erreichen.
- UX-Ressourcen: Das Team und die Werkzeuge, die für die Umsetzung der Strategie benötigt werden.
Der entscheidende Punkt: Nur wenn alle drei Komponenten zusammenwirken, kann UX Management erfolgreich sein. Es reicht nicht aus, UX-Methoden einzusetzen – man muss auch wissen, welches Ziel man erreichen will und ob man es tatsächlich erreicht hat.
Der UX Lifecycle: Ein strukturierter Rahmen für Agile UX Management
Der UX Lifecycle wurde entwickelt, um agilen Teams eine Struktur für das zielgerichtete Management der User Experience zu bieten. Er wurde nach der Design Science Research Methodology entwickelt und in mehreren Studien mit insgesamt 497 Teilnehmenden validiert. Eine abschließende Delphi-Studie mit 24 internationalen Expert:innen aus vier Ländern bestätigte die Wirksamkeit des Ansatzes.

Der UX Lifecycle besteht aus fünf Schritten, die sich nahtlos in den Rhythmus agiler Entwicklung einfügen:
Schritt 0: Preparation – Die Grundlage schaffen
Bevor die eigentliche Arbeit beginnt, muss das Team die Voraussetzungen für erfolgreiches UX Management schaffen. In dieser Vorbereitungsphase werden grundlegende Entscheidungen getroffen:
Auswahl der relevanten UX-Faktoren: Nicht alle UX-Aspekte sind für jedes Produkt gleich wichtig. Das Team wählt gezielt die UX-Faktoren aus, auf die es sich konzentrieren möchte. Das können pragmatische Qualitäten wie Effizienz, Kontrollierbarkeit oder Erlernbarkeit sein, aber auch hedonische Qualitäten wie Stimulation, Neuartigkeit oder Ästhetik.
Definition des UX-Ziels: Basierend auf Nutzerforschung und strategischen Überlegungen wird ein konkretes UX-Ziel formuliert. Dieses Ziel gibt die Richtung für alle weiteren Schritte vor.
Festlegung der Evaluationsmethoden: Das Team entscheidet, mit welchen Methoden die UX gemessen werden soll – beispielsweise mit standardisierten Fragebögen wie dem User Experience Questionnaire (UEQ).
Die Preparation-Phase ist entscheidend, weil sie sicherstellt, dass alle Teammitglieder ein gemeinsames Verständnis davon haben, was sie erreichen wollen und wie sie den Erfolg messen werden.
Schritt 1: UX Poker – Die UX vor der Entwicklung schätzen
Der erste aktive Schritt im UX Lifecycle ist die Schätzung der erwarteten UX für geplante Features oder Epics. Hier kommt eine eigens entwickelte Methode zum Einsatz: UX Poker.
Das Prinzip: Ähnlich wie beim Planning Poker, das agile Teams zur Aufwandsschätzung nutzen, schätzt beim UX Poker das gesamte Team die erwartete Auswirkung eines Epics oder Features auf die zuvor ausgewählten UX-Faktoren.
Der Ablauf:
- Das zu bewertende Epic oder Feature wird vorgestellt und diskutiert.
- Jedes Teammitglied gibt verdeckt seine Einschätzung ab, wie sich das Feature auf die ausgewählten UX-Faktoren auswirken wird.
- Die Schätzungen werden gleichzeitig aufgedeckt.
- Bei unterschiedlichen Einschätzungen findet eine Diskussion statt, in der die verschiedenen Perspektiven ausgetauscht werden.
- Das Team einigt sich auf einen Schätzwert.
Der Mehrwert: UX Poker ist weit mehr als nur eine Schätzmethode. Evaluationsstudien zeigen, dass UX Poker eine Diskussion über UX anstößt, die zu einem gemeinsamen Verständnis der User Experience im Team führt. Entwickler:innen, Designer:innen und Product Owner:innen setzen sich aktiv mit der Nutzerperspektive auseinander.
Darüber hinaus ermöglicht UX Poker die Priorisierung des Product Backlogs unter UX-Gesichtspunkten. Features, die einen hohen positiven Einfluss auf wichtige UX-Faktoren versprechen, können bevorzugt umgesetzt werden.

Das Ergebnis dieser Phase ist die Estimated UX – eine Schätzung der erwarteten User Experience, bevor die eigentliche Entwicklung beginnt.
Schritt 2: Evaluate Prototype – Die UX während der Entwicklung prüfen
Während der Entwicklung entstehen Prototypen, die die geplanten Features visualisieren. Diese Prototypen bieten eine wertvolle Gelegenheit, die UX frühzeitig zu evaluieren.
Methoden der Prototyp-Evaluation:
- Nutzertests: Echte Nutzer:innen testen den Prototyp und geben Feedback.
- UX-Fragebögen: Standardisierte Instrumente messen die wahrgenommene UX.
- Expert Reviews: UX-Expert:innen bewerten den Prototyp heuristisch.
Die Evaluation des Prototyps liefert die Probable UX – eine Einschätzung der wahrscheinlichen User Experience basierend auf konkreten Nutzerreaktionen. Diese Daten sind besonders wertvoll, weil Änderungen am Prototyp noch vergleichsweise einfach und kostengünstig möglich sind.
Durch den Vergleich der Probable UX mit der Estimated UX aus Schritt 1 kann das Team bereits erkennen, ob die Entwicklung in die richtige Richtung geht oder ob Anpassungen notwendig sind.
Schritt 3: Evaluate Product Increment – Die implementierte UX messen
Nach der Entwicklung wird das fertige Product Increment evaluiert. Jetzt zeigt sich, ob die angestrebte UX tatsächlich erreicht wurde.
Die Evaluation des Product Increments: In dieser Phase kommen dieselben Methoden zum Einsatz wie bei der Prototyp-Evaluation – nun aber angewendet auf das funktionierende Produkt. Die Nutzer:innen können das Produkt unter realistischen Bedingungen testen.
Interpretation der Ergebnisse: Um die Evaluationsergebnisse sinnvoll zu interpretieren, wurden im Rahmen des UX Lifecycle zwei ergänzende Methoden entwickelt:
Der UEQ KPI (User Experience Questionnaire Key Performance Indicator) ermöglicht es, die Ergebnisse von UX-Fragebögen in einen verständlichen Kennwert zu überführen, der als KPI für das UX-Management dienen kann.
Die Importance-Performance Analysis (IPA) setzt die Wichtigkeit einzelner UX-Faktoren ins Verhältnis zur tatsächlich gemessenen Performance. So wird sichtbar, wo Handlungsbedarf besteht: Ein UX-Faktor, der für Nutzer:innen sehr wichtig ist, aber schlecht bewertet wird, erfordert dringend Aufmerksamkeit.
Das Ergebnis dieser Phase ist die Implemented UX – die tatsächlich erreichte User Experience nach der Entwicklung.
Schritt 4: UX Retrospective – Lernen und verbessern
Der letzte Schritt des UX Lifecycle ist die UX Retrospective. Sie ist das Herzstück des kontinuierlichen Verbesserungsprozesses.
Der Vergleich: In der UX Retrospective werden die drei UX-Werte miteinander verglichen:
- Estimated UX (Schätzung vor der Entwicklung)
- Probable UX (Messung am Prototyp)
- Implemented UX (Messung am fertigen Product Increment)

Die Lerneffekte: Durch diesen Vergleich ergeben sich wertvolle Erkenntnisse:
- Wie gut konnte das Team die UX-Auswirkungen von Features vorhersagen?
- Wo lagen die Schätzungen daneben und warum?
- Welche UX-Faktoren haben sich wie erwartet entwickelt, welche nicht?
- Was hat im UX-Prozess gut funktioniert, was sollte verbessert werden?
Die Verbesserung: Die UX Retrospective hilft dem Team, mit jeder Iteration besser zu werden. UX-Professionals lernen, genauer zu schätzen. Das gesamte Team entwickelt ein besseres Verständnis dafür, wie sich Designentscheidungen auf die User Experience auswirken. Der UX-Prozess selbst wird kontinuierlich optimiert.
Der UX Lifecycle in der Praxis
Die Stärke des UX Lifecycle liegt in seiner Flexibilität. Er lässt sich in verschiedene agile Frameworks integrieren und kann an die spezifischen Bedürfnisse eines Teams angepasst werden.
Integration in Scrum: Der UX Lifecycle lässt sich gut mit den Scrum-Events verbinden. UX Poker kann während des Sprint Plannings oder Refinements stattfinden. Die Prototyp-Evaluation erfolgt während des Sprints. Die Evaluation des Product Increments kann Teil des Sprint Reviews sein. Die UX Retrospective ergänzt die reguläre Sprint Retrospective.
Modularer Einsatz: Nicht immer ist es möglich oder sinnvoll, den gesamten UX Lifecycle zu implementieren. Studien zeigen, dass bereits der Einsatz einzelner Komponenten – wie UX Poker oder die Importance-Performance Analysis – agilen Teams hilft, die User Experience zu verbessern. Der volle Nutzen entfaltet sich jedoch erst im Zusammenspiel aller Schritte.
Voraussetzungen für den Erfolg: Die Expert:innen der Delphi-Studie betonten, dass der UX Lifecycle dann am wirkungsvollsten ist, wenn:
- Ausreichend UX-Kompetenz im Team vorhanden ist
- Das Management die Bedeutung von UX anerkennt
- Zeit und Ressourcen für UX-Aktivitäten eingeplant werden
- Die Entwicklung evidenzbasiert auf Teamebene entschieden wird
Fazit: Zielgerichtetes UX Management in agilen Teams
Der UX Lifecycle bietet agilen Teams einen strukturierten Rahmen, um die User Experience zielgerichtet zu managen. Durch die Verbindung von Schätzung, Evaluation und Retrospektive entsteht ein kontinuierlicher Lernprozess, der Teams hilft, immer bessere User Experiences zu entwickeln.
Die zentralen Vorteile:
- Zielorientierung: UX wird nicht dem Zufall überlassen, sondern bewusst gesteuert.
- Messbarkeit: Der Erfolg von UX-Maßnahmen wird messbar.
- Gemeinsames Verständnis: Das gesamte Team entwickelt ein Bewusstsein für UX.
- Kontinuierliche Verbesserung: Durch die systematische Reflexion lernt das Team stetig dazu.
- Priorisierung: UX-Aspekte fließen in die Backlog-Priorisierung ein.
Der UX Lifecycle zeigt: Gute User Experience entsteht nicht zufällig. Sie ist das Ergebnis eines bewussten, strukturierten Prozesses – und dieser Prozess lässt sich nahtlos in agile Entwicklungsmethoden integrieren.
Der UX Lifecycle wurde von Andreas Hinderks im Rahmen seiner Dissertation entwickelt und mit internationalen Expert:innen validiert. Die in diesem Beitrag vorgestellten Methoden – UX Poker, UEQ KPI und Importance-Performance Analysis – sind wissenschaftlich fundiert und praxiserprobt.