UX Poker
In agilen Entwicklungsteams ist Planning Poker längst etabliert, um die Komplexität von User Stories einzuschätzen. Doch wie steht es um die User Experience? UX Poker bietet eine strukturierte Methode, um den erwarteten Einfluss von User Stories auf die UX bereits vor der Implementierung zu bewerten – und damit eine fundierte Grundlage für die Priorisierung des Product Backlogs zu schaffen.
Das Problem: UX kommt oft zu kurz
Nutzer erwarten heute mehr als nur funktionale Produkte. Sie möchten während der Interaktion mit einem Produkt oder Service eine positive Erfahrung machen – das umfasst sowohl pragmatische Qualitäten wie Effizienz und Erlernbarkeit als auch hedonische Aspekte wie Stimulation und Ästhetik.
In der Praxis werden Product-Backlog-Items jedoch häufig primär nach geschäftlichen Anforderungen oder technischer Machbarkeit priorisiert. Die erwartete User Experience spielt bei der Sortierung des Backlogs oft eine untergeordnete Rolle. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es an praktikablen Methoden fehlt, die UX-Auswirkungen von Anforderungen systematisch einzuschätzen.
Was ist UX Poker?
UX Poker ist eine von Planning Poker inspirierte Methode, die darauf abzielt, den möglichen Einfluss einer User Story oder eines Epics auf die User Experience zu schätzen – und zwar bevor Prototypen erstellt oder die eigentliche Entwicklung beginnt.
Die Kernidee: Das gesamte agile Team bewertet gemeinsam, welche Auswirkungen eine Anforderung auf vorab definierte UX-Faktoren haben wird. So entsteht eine zusätzliche Dimension für die Backlog-Priorisierung, die explizit die Nutzerperspektive berücksichtigt.
Die Ziele von UX Poker
- UX-basierte Priorisierung: User Stories können gezielt nach ihrem erwarteten UX-Einfluss ausgewählt werden
- Gemeinsames UX-Verständnis: Das Team entwickelt ein geteiltes Verständnis davon, was UX für das eigene Produkt bedeutet
- Nutzerperspektive stärken: Teammitglieder – insbesondere Entwickler – werden darin trainiert, die Nutzerbrille aufzusetzen
- Strukturierte UX-Diskussion: Statt impliziter Annahmen findet ein expliziter Austausch über UX-Aspekte statt
Die Voraussetzung: Relevante UX-Faktoren definieren
Bevor UX Poker zum Einsatz kommen kann, muss das Team festlegen, welche UX-Faktoren für das eigene Produkt besonders relevant sind. User Experience lässt sich in einzelne Qualitätskriterien aufteilen, die jeweils einen spezifischen Aspekt der Nutzererfahrung beschreiben.
Beispiele für UX-Faktoren
| UX-Faktor | Beschreibung |
|---|---|
| Effizienz | Der Nutzer kann seine Ziele mit minimalem Zeit- und Kraftaufwand erreichen |
| Inhaltsqualität | Subjektiver Eindruck, ob die bereitgestellten Informationen aktuell, gut aufbereitet und interessant sind |
| Attraktivität | Der Gesamteindruck des Produkts |
| Vertrauen | Das Produkt erscheint dem Nutzer vertrauenswürdig |
| Stimulation | Das Produkt ist spannend und motivierend zu nutzen |
| Neuheit | Das Produkt ist innovativ und kreativ gestaltet |
| Ästhetik | Das visuelle Design ist ansprechend |
Tipps zur Faktorenauswahl
- Nicht mehr als 5–7 Faktoren auswählen – sonst wird die Schätzung zu aufwändig und verliert an Aussagekraft
- Die Auswahl sollte produktspezifisch erfolgen: Vertrauen ist für eine Banking-App kritisch, für ein Casual Game eher sekundär
- Methoden wie Dot Voting oder ein Ranking-Workshop eignen sich gut zur Priorisierung der Faktoren
- Die Liste kann nach jeder Iteration in der Retrospektive angepasst werden
Der UX-Poker-Workflow
Der eigentliche UX-Poker-Prozess folgt einem strukturierten Ablauf, der dem klassischen Planning Poker ähnelt:

Schritt 1: User Story vorstellen
Der Product Owner oder Product Manager präsentiert die User Story oder das Epic. Das Team sollte das Ziel der Anforderung verstehen – was soll für den Nutzer erreicht werden?
Schritt 2: Individuelle Schätzung
Für jeden der vorab definierten UX-Faktoren schätzt jedes Teammitglied den möglichen Einfluss der User Story auf die User Experience. Dabei wird eine Skala von -2 bis +2 verwendet:
| Wert | Bedeutung |
|---|---|
| -2 | Stark negativer Einfluss |
| -1 | Leicht negativer Einfluss |
| 0 | Kein Einfluss |
| +1 | Leicht positiver Einfluss |
| +2 | Stark positiver Einfluss |
Wichtig: Wie bei Planning Poker geben alle Teammitglieder ihre Schätzungen zunächst verdeckt ab und decken sie dann gleichzeitig auf. Das verhindert, dass einzelne Meinungen die Gruppe beeinflussen.
Schritt 3: Diskussion bei Abweichungen
Wenn die Schätzungen um mehr als zwei Skalenpunkte auseinanderliegen, wird im Team diskutiert:
- Warum kommt es zu dieser unterschiedlichen Einschätzung?
- Welche Perspektive oder welches Wissen führt zu der abweichenden Bewertung?
- Gibt es Missverständnisse bezüglich der User Story oder des UX-Faktors?
Nach der Diskussion erfolgt eine erneute Schätzung.
Schritt 4: Ergebnis dokumentieren
Bei Einigkeit oder nur geringen Abweichungen wird der Mittelwert als UX-Schätzung in der User Story dokumentiert. Am Ende hat jede User Story für jeden UX-Faktor einen Schätzwert.
Praxisbeispiel: Twitter-App
Um die Methode greifbarer zu machen, hier ein konkretes Beispiel:
User Story: „Als Twitter-Nutzer möchte ich sehen, ob ein Tweet eine unwahre Aussage enthält, damit ich diese kritisch hinterfragen kann."
Ausgewählte UX-Faktoren: Attraktivität, Inhaltsqualität, Vertrauenswürdigkeit des Inhalts, Vertrauen
Bewertung und Begründung
| UX-Faktor | Bewertung | Begründung |
|---|---|---|
| Attraktivität | +1 | Positive Wirkung, da die neue Funktion hilfreich und innovativ ist |
| Inhaltsqualität | 0 | Kein direkter Einfluss – es handelt sich nur um eine neue Kategorisierung, nicht um den Inhalt selbst |
| Vertrauenswürdigkeit des Inhalts | +2 | Sehr hoher positiver Einfluss, da Inhalte explizit nach ihrer Glaubwürdigkeit eingeordnet werden |
| Vertrauen | +1 | Positiver Gesamteinfluss auf das Vertrauen in die Plattform durch die verbesserte Inhaltsvertrauenswürdigkeit |
Was das Team daraus lernt
Diese User Story hat auf mehrere UX-Faktoren einen positiven Einfluss. Wenn das Ziel ist, die Vertrauenswürdigkeit des Inhalts zu verbessern, sollte diese Story hoch priorisiert werden. Gleichzeitig fördert die Diskussion ein gemeinsames Verständnis davon, was Vertrauen und Glaubwürdigkeit für das eigene Produkt bedeuten.
Erkenntnisse aus der Praxis
Eine Evaluationsstudie mit vier agilen Teams aus unterschiedlichen Unternehmen (insgesamt 30 Teilnehmende) lieferte wertvolle Einblicke zur praktischen Anwendung von UX Poker.
Was gut funktioniert hat
- Schneller Einstieg: UX Poker war leicht zu erlernen und konnte ohne lange Vorbereitungszeit eingesetzt werden
- Strukturierte UX-Diskussion: Das Team konnte sich fokussiert über die erwartete User Experience austauschen
- Geteiltes Verständnis: Die Methode half dabei, ein gemeinsames Bild davon zu entwickeln, was UX für das eigene Produkt bedeutet
- Identifikation negativer Auswirkungen: Auch potenzielle negative UX-Effekte wurden sichtbar
- Inklusion des gesamten Teams: Alle Teammitglieder – nicht nur UX-Professionals – wurden in den UX-Prozess einbezogen
Herausforderungen und Verbesserungspotenzial
- Skala erklären: Die Bedeutung der Skalenwerte sollte zu Beginn klar definiert werden
- UX-Faktoren verstehen: Die ausgewählten Faktoren müssen allen Teilnehmenden verständlich erklärt werden
- Diskussionen moderieren: Ohne Moderation können die Gespräche schnell den Fokus verlieren
- Zielgruppe klären: Es sollte klar sein, für welchen Nutzertyp die UX geschätzt wird
Best Practice: Personas verwenden
Eine wichtige Erkenntnis aus der Praxis: Die Verwendung von Personas als Voraussetzung für UX Poker hat sich als sehr hilfreich erwiesen. Wenn das Team ein klares Bild der Zielnutzer hat, fällt es leichter, die UX aus deren Perspektive zu bewerten.
Empfehlung: Kombinieren Sie UX Poker mit persona-getriebenen User Stories. So ist bei jeder Story sofort klar, für welche Persona die UX-Schätzung erfolgt.
Die andere Perspektive: User vs. Technik
Ein interessanter Nebeneffekt von UX Poker ist der Perspektivwechsel im Team. Während im klassischen Refinement oder Planning Poker die technische Implementierung im Vordergrund steht, rückt bei UX Poker die Nutzerperspektive in den Mittelpunkt.
Beispiel aus der Studie
Bei der Entwicklung einer Fußball-Portal-App sollte ein Live-Ticker implementiert werden. Im Refinement wurde primär über die technische Umsetzung gesprochen. Durch UX Poker entstand eine ganz andere Diskussion:
- Wie oft sollte der Ticker aktualisiert werden?
- Während eines Spiels: hohe Aktualisierungsrate
- Außerhalb von Spielen: niedrige Rate ist ausreichend
Die entscheidende Erkenntnis: Dieselbe User Story kann je nach Implementierung sowohl positive als auch negative Auswirkungen auf die UX haben. Diese differenzierte Betrachtung wäre im reinen Technik-Fokus vermutlich nicht aufgekommen.
Integration in den agilen Prozess
UX Poker lässt sich auf verschiedene Weisen in bestehende agile Prozesse integrieren:
Option 1: Separates Meeting
UX Poker wird als eigenes Meeting durchgeführt, z.B.:
- Im Rahmen des Backlog Refinements
- Als Teil der Sprint-Planung
- Als dedizierter UX-Workshop
Vorteil: Klarer Fokus auf UX, ohne Vermischung mit technischen Diskussionen
Nachteil: Zusätzlicher Zeitaufwand für das Team
Option 2: Kombination mit Planning Poker
UX Poker und Planning Poker werden im selben Meeting durchgeführt:
- Erst technische Komplexität schätzen
- Dann UX-Einfluss bewerten
Vorteil: Effizienter, da kein zusätzliches Meeting nötig
Nachteil: Gefahr der Vermischung beider Perspektiven
Empfohlener Workshop-Ablauf
Wenn Sie UX Poker als separates Meeting durchführen, hat sich folgender Ablauf bewährt (ca. 60–90 Minuten):
- Begrüßung und Kontext (5 Min.)
- Vorstellung der UX-Faktoren (10 Min.)
- Präsentation der User Stories durch den Product Owner
- UX-Schätzung für jede Story (variabel)
- Dokumentation der Ergebnisse
- Kurze Retrospektive (10 Min.)
Wann ist UX Poker sinnvoll?
UX Poker eignet sich besonders gut, wenn:
- Ein Produkt gezielt hinsichtlich der User Experience verbessert werden soll
- Das Team ein gemeinsames UX-Verständnis entwickeln möchte
- Die Backlog-Priorisierung stärker nutzerzentriert erfolgen soll
- Entwickler stärker in UX-Prozesse eingebunden werden sollen
- Transparenz darüber geschaffen werden soll, welche Features die UX besonders beeinflussen
Fazit: UX als Entscheidungskriterium etablieren
UX Poker bietet eine praktikable Methode, um die User Experience bereits vor der Entwicklung in den Blick zu nehmen. Die Stärke der Methode liegt nicht nur in den konkreten Schätzwerten, sondern vor allem im Prozess selbst: Das Team wird dazu angeregt, die Nutzerperspektive einzunehmen und ein gemeinsames Verständnis von UX zu entwickeln.
Die wichtigsten Takeaways
- UX Poker ermöglicht eine UX-basierte Priorisierung des Product Backlogs
- Das gesamte Team wird einbezogen – nicht nur UX-Professionals
- Die Methode ist leicht erlernbar und kann schnell eingeführt werden
- Personas als Grundlage machen die Schätzung konkreter und valider
- Der Perspektivwechsel von Technik zu Nutzer ist ein wesentlicher Mehrwert
- Die Diskussion selbst ist oft wertvoller als die konkreten Schätzwerte
Probieren Sie UX Poker in Ihrem nächsten Sprint aus – und erleben Sie, wie sich die UX-Diskussion in Ihrem Team verändert.
Weiterführende Ressourcen
- UEQ+ Framework: Modulares Framework zur Messung von User Experience mit vordefinierten UX-Faktoren
- ISO 9241-210: Internationaler Standard für menschzentrierte Gestaltung interaktiver Systeme
- Persona-driven User Stories: Ansatz zur Integration von Personas in User Stories
Dieser Artikel basiert auf der wissenschaftlichen Publikation „UX Poker: Estimating the Influence of User Stories on User Experience in Early Stage of Agile Development" von Hinderks et al. (2022), erschienen im International Journal of Interactive Multimedia and Artificial Intelligence.